Gesundheitspolitischer Kommentar

Mehr Studienplätze allein lösen das Problem nicht

Cornelia Kolbeck, Freie Journalistin für Medizin und Gesundheitspolitik

Das waren noch Zeiten, als es mehr Ärzte gab, als eigentlich benötigt und Studienplätze deshalb erstmals per Numerus Clausus begrenzt wurden. Das war Ende der 1990er Jahre. "Die Gesundheitsreform ist abgeschlossen. Die Uhr wird nicht mehr zurückgedreht", sagte damals Gesundheitsminister Horst Seehofer. Inzwischen hat sich die Lage geändert. Gab es vor der deutschen Wiedervereinigung 4000 Studienplätze in Ostdeutschland und 12800 in Westdeutschland, sind es zurzeit bundesweit nur noch 10750.

Der Medizinernachwuchs deckt nicht mehr die durch ausscheidende Kollegen entstehenden Lücken. Das betrifft die Praxen ebenso wie die Krankenhäuser. Das heißt, die Uhr muss doch wieder zurückgedreht werden, um die Versorgung zukünftig noch sicherstellen zu können. Der 121. Deutsche Ärztetag  forderte 2018 die Regierungen der Länder auf, die Anzahl der Studienplätze für Humanmedizin auf die Anzahl von vor der Wiedervereinigung pro Jahr zu erhöhen.

Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2017 zum Procedere beim Numerus Clausus müssen sich die Länder, die gemeinsam mit der Hochschulrektorenkonferenz für die Hochschulzulassung zuständig sind, zwangsläufig auf eine neues Zulassungsverfahren verständigen. Der Entwurf des neuen Staatsvertrags zur Hochschulzulassung nebst entsprechender Begründung liegt jetzt zur Diskussion vor.

Das andere Problem, welches die Nachbesetzung freier Stellen ausbremst, sind die Erwartungen, die der Medizinernachwuchs an den zukünftigen Beruf hat. Ganz oben stehen dabei die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (95 %) sowie geregelte und flexible Arbeitszeiten (82,3 bzw. 81,4 %). Das zeigt der "Berufsmonitor Medizinstudium 2018". Eine Arbeit in der eigenen Praxis scheint deshalb oftmals nicht attraktiv. Hinzu kommt die Angst vor zu viel Bürokratie, hohen finanziellen Risiken und Regressforderungen. Doch auch eine angestellte Tätigkeit in der Klinik ist für viele längst nicht optimal. Die Befragten befürchten eine hohe Arbeitsbelastung (78 %), starken ökonomischen Druck (68 %), wenig Freizeit (61 %), starre Hierarchien (58 %) und eine autoritäre Führungskultur (54 %).

Mehr Studienzulassungen bringen die Sache sicher nicht ins Lot, auch die Rahmenbedingungen müssen sich ändern. Das kann allerdings noch Jahre dauern, sofern der Wille überhaupt dazu da ist.   

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