Gesundheitspolitischer Kommentar

Medikamente horten? Nicht die beste Idee.

Cornelia Kolbeck, Freie Journalistin für Medizin und Gesundheitspolitik

Lieferengpässe und -ausfälle sind bei Medikamenten und Impfstoffen längst keine Seltenheit mehr. Mitte September war für 229 Humanarzneimittel die Lieferung nicht gesichert. Immer wieder kommt deshalb die Forderung nach einer nationalen Arzneimittelreserve für lebenswichtige Präparate mit erhöhtem Versorgungsrisiko auf. Erst jüngst sprach sich die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer Dr. Ellen Lundershausen für eine solche aus.

 Doch so vielfältig die Ursachen für Lieferausfälle sind, so vielfältig sind auch die Meinungen zur Vorratslagerung. Der Präsident der Bundesapothekerkammer Dr. Andreas Kiefer bemerkt in der aktuellen Ausgabe des G+G-Magazins der AOK, jede öffentliche Apotheke müsse bereits heute den durchschnittlichen Arzneimittelvorrat für eine Woche bereithalten, jede Krankenhaus- und krankenhausversorgende Apotheke den Vorrat für zwei Wochen. Versorgungssicherheit bringt aus seiner Sicht nur das Vorgehen gegen die "Schnäppchenmentalität" nach der sogar lebenswichtige Medikamente immer billiger würden. Auch der Gesundheitswissenschaftler Prof. Dr. Gerd Glaeske, Universität Bremen, sieht in der nationalen Arzneimittelreserve nicht die Lösung. Er schlägt stattdessen vor, über eine Verschärfung des Paragrafen 52b im Arzneimittelgesetz Pharmafirmen zu verpflichten, zukünftig nicht mehr nur für zwei, sondern für acht Wochen Medikamente zur Bedarfsdeckung vorzuhalten. Hersteller sollen bei Lieferproblemen auch mit den Beschaffungskosten belastet werden.

Erinnern Sie sich an den Pharmadialog von 2016? Um Lieferengpässen von Arzneimitteln entgegenzuwirken, hieß es im Ergebnis, werde eine Liste besonders versorgungsrelevanter, engpassgefährdeter Arzneimittel erarbeitet. Ein "Jour Fixe" unter Beteiligung der Bundesoberbehörden und Fachkreise sollte die Versorgungslage beobachten. Die Listen gibt es inzwischen. Auch elf Jour Fixe fanden inzwischen statt. Es ist gut, dass durch diese Gespräche und verschiedene gesetzliche Regelungen die Transparenz über die Versorgungsprobleme verbessert wird. Einfluss auf einen Lieferstopp, der z.B. folgt, wenn eine Wirkstoffproduktion in Asien wegen Qualitätsmängeln geschlossen wird, hat das allerdings nicht. Ein nationaler Ansatz allein kann somit nicht der richtige Weg sein. Er hilft lediglich, die Ausmaße eines Lieferengpasses zu mindern.

Dass die Union dem Bundesgesundheitsministerium mit einem Positionspapier Druck machen will, Lieferengpässen nachhaltig vorzubeugen, ist positiv zu werten. Es gibt noch nicht ausgeschöpfte Spielräume, z.B. über die angedachten Änderungen bei Rabattverträgen. Die ebenfalls angedachten Exportbeschränkungen für Großhändler und Apotheken sind m.E. jedoch auch sehr national gedacht, denn von Lieferproblemen sind nicht nur Patienten in Deutschland betroffen.        

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